Mehr Demokratie durch das Internet? Das klingt vielversprechend, doch es ist ein Traum, der schon mit der Einführung des Buches / Radios / Fernsehens geträumt wird. Dabei geht es nicht um das Medium (das Internet ist übrigens kein Medium, sondern mehr ein Übertragungs), sondern es geht um die Bürger und die Politik.
Die Chance ist, dass sie durch das Internet näher zusammenrücken. Doch dazu müssen beide erstmal auf einer Augenhöhe sein und wieder miteinander reden und sich zuhören. Dieses Thema sprengt jede Debatte, jede Konferenz, jeden Essay und vor auch jeden Blogeintrag.
Doch damit sie sich nicht immer im Kreis dreht und man auch nicht auf jeder Konferenz bei Null beginnen muss, hier mal ein paar formulierte Thesen, die jeder für sich selbst überprüfen kann, indem er die Augen offen hält und aufmerksam beobachtet. Die Kommentare dürfen gerne für eine sachliche Diskussion genutzt werden, wenn sie diese Thesen ergänzen oder ihnen widersprechen können.
1. “Das Internet” (siehe Punkt 10) ist ein strukturgleiches Abbild der “offline” Welt. Meint: wer sich offline nicht / kaum informiert, tut das auch online nicht.
1a. Die Hürde wird zwar gesenkt, jedoch steht jeder umfassenden Recherche erstmal die eigene Faulhaut, das eigene Weltbild und die kognitive Dissonanz im Weg – von Katzenvideos ganz zu schweigen.
2. Die Politik ist noch nicht soweit, diese neue Art der Interaktion auch verarbeiten, geschweige denn verstehen zu können / wollen.
3.Das momentane Ziel der Poltik scheint eher, dass sie ihre Kommunikation auch auf diejenigen ausweiten möchte, die nicht mehr Tageszeitungen lesen, Radio hören, oder Fernseh schauen. Diese Kommunikation verläuft dabei einseitig, vom Politiker zum Bürger.
4. “Der Journalismus” versteht das Internet nicht besser als der normale Bürger und zeigt sich auch mit der ansteigenden Informationsflut [update] Auswahl und Filterung in der ansteigenden Fülle von Informationen [/update] überfordert. Echtzeitnachrichten ohne Einordnung und Hintergrundwissen sind Fast Food ohne Nährwert.
5. “Der Journalismus” als Gatekeeper muss mit Twitter und Facebook konkurrieren.
6. “Die Öffentlichkeit” fragmentiert sich immer weiter, der Journalismus verliert seine Deutungshoheit.
7. Aber: Acta, Sopa, Netzsperren, die Debatte um das Urheberrecht etc betreffen jeden Internetnutzer, also immer größer werdende Teile der Gesellschaft (siehe Punkt 1: Wer online ist, ist auch offline). Betroffene Internetnutzer sind Bürger.
7a. Über Facebook / ihren Freundeskreis werden sie so auf politische Themen aufmerksam gemacht, die sie a) selbst betreffen und gegen die sie b) selbst etwas unternehmen können, in dem sie sich zusammenschließen.
8. Die momentane Politik ist keine Politik für den Bürger, ihr fehlt es an Themen die a) die Bürger selbst betreffen und die nicht Firmen den Hof macht und b) nicht nur den Eindruck, sondern wieder die Erfahrung vermittelt, selbst etwas unternehmen und verändern zu können.
9. Wir sollten aufhören, generell und allgemein über “das Internet” zu diskutieren. Es gibt nicht “das Internet”. Die Erfahrung, im Internet zu sein bzw. ins Internet zu gehen ist individuell. Jedes Facebook sieht anders aus, jeder bekommt andere Dinge angezeigt und jeder hat andere Freunde, die wiederum anderes posten. Die Diskussion kann nicht mehr mit “man” geführt werden, sondern sollte immer darauf hinauslaufen, dass es sich um einen individuellen Eindruck handelt. Das Internet durchzieht unser Leben (siehe Punkt 1), und niemand käme auf die Idee, eigene, individuelle Erfahrung beim Einkaufen, im Urlaub, in einer Beziehung mit einem “man” zu formulieren: “Man hat Schluss gemacht”. “Im Internet posten alle über ihren Unistress”, nein, es sind nicht alle, es sind deine Freunde.
10. Wir sollten aufhören, Diskussionen über “das Internet” (siehe Punkt 9) in der Kategorie “gut” oder “schlecht” zu führen und sie nicht immer normativen Wertungen verbinden. Eine Veränderung, die zB. ein Nachrichtenaggregator wie http://rivva.de mit sich bringt, ist nicht per se gut oder schlecht, sie ist erstmal neu.
11. Der Journalismus boulevardisiert sich immer mehr, [update] der Fokus rückt schwerpunktmäßig vom politisch inhaltlichen hin zum Privatlebens eines Politikers. [/update ende, danke an j.k]
11a. Spiegelonline
11b. Grund dafür könnte Punkt 1 sein: mit leichter verdaulichen Informationen werden mehr Leute erreicht, also auch die, die sich sonst kaum dem “Nachrichten”konsum widmen. Der Journalismus braucht Klickzahlen, um sich über Werbung finanzieren zu können. Unaufgeregte und sachliche Artikel brauchen mehr Zeit und Recherche, bekommen aber weniger Klicks bzw. werden weniger häufig im Netz geteilt.
(11.c Artikel werden mit Meinung unterfüttert bzw. sind wertend und weniger mit harten Fakten belegt.)
12. Ein Versuch, Medienkompetenz (oder sowas) zu definieren: die Fähigkeiten, technisches und allgemeines Hintergrundwissen zum Internet, Computern, Medien und Journalismus mit allgemeinen Regeln und Verhaltensweisen in Bezug auf Öffentlichkeit, soziale Erwünschtheit und Normen situationsbedingt anzuwenden und dabei den gesunden Menschenverstand nicht außer Acht zu lassen. Ein Internet-Sehpferden oder -Führerschein muss mehr sein als bloßes Regelwerk, an dem sich blind orientiert wird. (Niemand käme auf die Idee, einen “Lebens-Führerschein” auszustellen, wenn jemand die 10 Gebote auswendig kann.)
13.folgt.